Schandmaul - Sternensegler
Nachdem Thomas krankheitsbedingt vom Mikro zurücktreten musste, melden sich Schandmaul nun mit Marko Klingel alias Till Herrence zurück. Ob der Sternensegler mühelos durch die Galaxien gleitet oder doch am Asteroidengürtel der großen Erwartungen zerschellt, erfahrt ihr hier.
Der Opener trägt den aussagekräftigen Titel „Nimm alles mit“ und der Name ist da wirklich Programm. Ein langes Bagpipes-Intro trägt uns in harte Riffs rein. Ein Song, der das Leben bejaht und das Gefühl aus einer schweren Zeit oder gar einer Depression wieder einen Moment zu fühlen, an dem das Leben wieder leicht und unbeschwert wird. Ungefähr ab der Hälfte dürfen wir ein kurzes Solo genießen, bevor der Song marschierend zu Ende geht.
Der Titeltrack „Sternensegler“ wird meiner Meinung nach der größte Hit des Albums werden. Dudelsack startet das Schiff, Overdrivegitarren und Tills schwingende Wärme machen das Ganze zu einem Folkrock-Schlager.
Weiter geht's mit „Beide Füße in der Luft“. Hier gibt es eine ganz große Portion des „alten“ Schandmauls. Tills Stimme ist spürbar rauer. Zu sagen: „Er channelt seinen inneren Thomas“, würde seiner stimmlichen Leistung nicht gerecht werden. Er bringt auch hier seine ganz eigene Note rein, doch würde es mich nicht wundern, wenn der Ex-Frontmann gerade bei diesem Song ein Händchen mehr mit im Spiel hatte, was Text und Instrumentierung angeht. Das Stück klingt sehr nach Vintage-Schandmaul.
„Flagge“ ist für mich persönlich der wichtigste, da politischste Song des Albums. Wie auch schon bei „Bunt und nicht braun“ rechnet die Band kompromisslos mit bigotem Rechtspopulismus ab. Ein Statement, das gerade angesichts jüngster politischer Entwicklungen enorme Wichtigkeit hat.
Dicht und dunkel wird es nun mit „Nosferatu“. Hier zeigt Till, warum er die erste Wahl zur Neubesetzung der Sängerposition war.
Wie wir schon auf dem Rockharz 2024 beobachten durften, ist er ein wahrer Showman. Es ist ein Genuss, wie sich seine ausdrucksstarke, fast spielende Stimme an die Musik schmiegt und die Emotionen des Stückes noch mehr transportiert.
Man kann den Schmerz des Singenden bildlich vor sich ausgebreitet sehen, wie er in einer Vollmondnacht trotzig verkündet: „Ich scheue nur ihr Licht, ich scheue nur der Sonne Licht.“ Eine strahlende Liebe besingend, die seine Sehnsucht entflammt, ihn fortzieht in eine fremde Stadt. Alles das, um dann desillusioniert zu konstatieren: „Finsternis ist die Gefährtin, Schmerz erfüllt mein ganzes Sein.“ Fortlebend in dem Bewusstsein, das Leben zu wollen, aber im Untod gefangen zu sein.
Diese ganze Bandbreite stellt Till in einer Weise dar, dass sich bei mir als altem Nosferatu/Dracula-Fan der Gänsepelz auf den Rücken legte.
Untermalt wird das Ganze in bester Schandmaul-Manier mit beeindruckender Instrumentierung und einem Chor, der nur mit dem Singen des Songnamens Schauer verursacht.
„Wo Sprache aufhört“ nimmt uns sanft mit in die Welt eines Mannes, der versucht, seinen Gefühlen für jemanden Ausdruck zu verleihen. Violine und Flöte geleiten uns zart rein in ein Stück, das mit den Worten „vergiss mein Gestammel“ wohl temperiert härter wird und am Ende konstatiert, dass Musik doch Gefühle zu transportieren vermag, bei denen bloße Worte an ihre Grenze stoßen.
Mit „In der Hand“ scheint die Band auch einiges aufzuarbeiten. Mit Textzeilen wie „Weder jetzt noch hier sind wir am Ende unserer Reise, das Herz brennt lichterloh, wir habens in der Hand, wir geben keine Ruh, um uns wird es niemals leise und ihr gehört dazu mit unserem Herzen in der Hand“ wird eine Zukunft beschworen, die uns darauf hoffen lässt, dass noch einiges von Schandmaul kommen wird, und das natürlich auch mit Thomas, der der Band als Songwriter, Gitarrist und Keyboarder erhalten bleibt.
Weiter geht es mit einem richtigen Motivationssong über Leidenschaft und den Willen, das Leben an den Hörnern zu packen und zu genießen. „An beiden Enden“ sprüht vor Leben.
Der Mutmachblock des Albums wird mit „Lass nicht los“ fortgesetzt. Auch hier geht es darum, sich dem Wahnsinn des Lebens zu stellen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Ein Song, der einem ein Stück Selbstbewusstsein einimpft. Dazu gibt es eine fröhliche, von Dudelsack und Violine gestützte Melodie.
Natürlich darf auf einem Schandmaul-Album auch eine gute Ballade nicht fehlen. „Trag Dich“ heißt das Ding. Was mir daran besonders gefällt, ist, dass die Band bewusst mit Balladenklischees spielt und bewusst sagt: „Wahrscheinlich ist dir jetzt der Schmalz zu viel und wenn nicht, dann bin ich am Ziel.“ Große Gefühle, ausgedrückt mit einer Portion Leichtigkeit, machen dieses Stück zu einem tiefen Kunstwerk.
Doch noch ist das Thema Liebe nicht zu Ende behandelt. In „Zwei Raben“ dienen die benannten Tiere als Metapher für ein Liebespaar, das einander durch die Stürme des Lebens trägt. Unterstützt wird Till hier von Fauns Laura Fella. Die beiden sind sehr harmonische Duettpartner. Das Highlight des Songs ist für mich allerdings das epische Gitarrensolo, das fast drei Minuten andauert und schließlich von Bagpipes und Lauras ätheraler Stimme zum Ende getragen wird. Mit über sechs Minuten ist das „Zwei Raben“ die längste Nummer des Albums, wirkt aber zu keiner Sekunde langweilig.
Fazit: Schandmaul melden sich eindrucksvoll zurück, mit Rückgriffen wie in „Beide Füße in der Luft“, aber auch mit Weiterentwicklungen ihres seit 28 Jahren einzigartigen und genreprägenden Stils, so zum Beispiel in „Zwei Raben“. Eine Platte für alle, die Schandmaul lieben, und auch für die, die sich fragen, was es eigentlich mit diesem Mittelalterrock auf sich hat.
Danke fürs Lesen und bleibt metallisch. \m/
Christian Peeck, Moschpitkombinat 2026