Axty: The pain made me who i am
Mit Popkultur in den Nihilismus
Brasilien, weiße Strände, Samba, Karneval und Cocktails mit tropischen Früchten, die sonnenverwöhnt zu voller Süße reifen durften. Das sind so die ersten Dinge, die einem in den Kopf kommen, wenn man an dieses Land denkt, das wie kaum ein anderes für Lebensfreude und Feierlaune steht.
Anxty zeigen auf, dass auch in diesem vermeintlichen Paradies Angst, Depression und Chaos dazu gehören. Frontmann Felipe Hervoso gründete die Band während der Coronazeit zunächst als Soloprojekt, um seine Depressionen und Ängste verarbeiten zu können, holte sich dann jedoch bald andere Musiker hinzu und kürzte den ursprünglichen Namen des Projektes „Anxiety“ zu Axty.
Mit „The Pain Made Me Who I Am“ liegt nun ein Werk vor, das diesen Prozess, die eigenen Herausforderungen in der Kunst auszudrücken, schon vom Namen her in sich trägt.
Rein geht es mit „The Pain Made Me“. Hier beginnen tiefgestimmte Gitarren, den Ton anzugeben, ehe ein Rapsample einsetzt und tiefes monotones Growling uns für den Rest des Songs begleitet. Der Titel geht nahtlos in „Who I Am“ über und bildet so quasi einen geteilten Titeltrack. Hier zeigt Hervoso sofort, was ihn und seine Band ausmacht. Cleaner Gesang wird in Sekunden zu Screaming, dann geht es wie mit nur einem Fingerschnippen in einen brutalen Breakdown mit einem Growl, der den ganzen Widerstand und die ganze Entschlossenheit gegen niederwerfende Umstände zum Ausdruck bringt. Die Präzision, mit der die ganze Band dort agiert, ist wirklich beachtlich.
Hier fällt zum ersten Mal auf, dass Axty das ganze Album hindurch immer wieder mit Memes aus der Popkultur spielen. So wird der Breakdown von „Who I Am“ zum Beispiel durch den von Steve Carell gespielten Michael Scott und seinen berühmten Ausspruch „Oh God please No“ eingeleitet. Hervoso selbst gab an, dass er dieses Audio als Breakdown-Callout verwenden wollte, als er es das erste Mal hörte. Mir persönlich gefällt dieser Kontrast aus Leichtigkeit und existenzieller Schwere sehr gut, da er zeigt, dass auch diese Auseinandersetzung durchaus etwas sein kann, das mit einer Prise Humor angegangen werden kann.
Ohne Pause geht es dann mit „Dismay“ weiter. Erneut vereinen sich hier alle Zutaten, die Axty zu etwas Besonderem machen. Hervosos Stimme geht völlig durch. Rein in Squels, die seine Stimme fast dämonisch klingen lassen.
Das Album scheppert ordentlich weiter auf die Ohren ein, wird an keiner Stelle langweilig oder tragend. Gerade als man dann glaubt, die ultimative Härte erreicht zu haben, wird mit „Everything is Beautiful“ noch mal eine Schippe draufgelegt. Knallharte Riffs und Gesang laden zum Rauslassen jeglicher Aggression ein, bevor sauber in „All I Love“ übergeleitet wird. Auch hier gibt es wieder eine memehafte Einleitung, auf welche ein sehr harter erster Teil des Songs folgt, doch dann in einen schön clean gesungenen Refrain übergeht, in dem man die Verletzlichkeit des Singenden wahrnehmen kann, bevor mit einem rotzig-harten Growl, der übrigens auch wieder von einem cartoonhaften „boing“ eingeführt wird, das Stück zum Ende geführt wird.
Bei „Closer“ zeichnet sich noch einmal das ab, was das ganze Album bestimmt. Ein Kampf hier zwischen dem Sänger und der Instrumentierung. Screaming und Clean-Vocals gehen wieder Hand in Hand.
Fazit: Ein wirklich beeindruckendes Album, das den Widerstreit zwischen Chaos, Angst, Depressionen und Momenten der Hoffnung sehr gut einfängt. Leid wird dabei nicht bloß akzeptiert, sondern der Prozess des Annehmens, Wachsens und des stärkeren Hervorgehens wird dokumentiert. Verpackt ist das alles in einem Stück granitharten Cores, der keine Wünsche offenlässt. Unglaublich facettenreicher Gesang von Clean, Screaming, Squealing bis Growls in einer Qualität, die man nur bei wenigen Vocalisten des Genres findet. Darüber hinaus spielt die gesamte Band mit einer fast gruseligen Präzision, die das Album wirklich kurzweilig und stets frisch hält, weil man als Hörer ständig auf die nächste musikalische Finesse wartet. Alles andere als Einheitsbrei und für Liebhaber des Genres auf jeden Fall die etwas über 34 Minuten Spielzeit wert.
Danke fürs Lesen und bleibt metallisch. \m/
Christian Peeck und Stefan Kraft, Moshpitkombinat 2026